HTC U12+: Rückkehr aus der Krise oder doch Kamikaze?

Im letzten Jahr hat HTC das U11 vorgestellt und damit die Squeeze-Mechanik eingeführt. Ein Gimmik dass sich leider nur bedingt durchsetzte, denn Google übernahm die Funktion auch bei ihren Pixel Handys. Doch bis auf die Funktion hat HTC ein ordentliches Smartphones hingelegt, welches durchaus seine Punkte gegen die anderen Player erkämpfen konnte. Dieses Jahr hat HTC mit dem U12+ das neue Flaggschiff vorgestellt. Ein neuer Versuch das Geschäft aus der Krise zu ziehen, allerdings unter schlechten Vorzeichen, denn vor kurzem musste ca. jeder vierte Mitarbeiter seine Sachen packen. Mit weniger als zwei Millionen produzierten Geräte droht der einstige Smartphone-Pionier in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

First Look

Heftig und schwer. Das trifft den ersten Eindruck am besten. Es wirkt einfach als hätte HTC mit dem U12+ einen Ziegel für die Hand fabriziert. Schade, wenn man dann genauer auf die Spezifikationen schaut ist das Handy gerade mal etwas größer und minimal schwerer als andere Flaggschiffe wie das S9+ oder das P20 Pro. Aber mit dem Gewicht und der Größe wirkt das Handy sehr gut verarbeitet und fühlt sich hochwertig und robust an. 6 Zoll im 18:9 Format sind wohl mittlerweile wirklich Standard geworden. 

Eigentlich schade, da etwas kleinere Displays viel handlicher und besser zu bedienen sind, aber der Trend geht zu größerem, leider.

Ein kleines Manko obendrauf: Durch die hochwertige Verarbeitung ist das Handy so rutschig, dass es relativ einfach aus der Hand gleitet. Dabei braucht man sich relativ wenig Sorgen machen falls es ins Wasser fällt, da es IP68 zertifiziert (also Wasser- und Staubgeschützt) ist.

Inhaltsanzeige

Die Inhalte werden über die Anzeige gezeigt, das sogenannte Display. Viele Worte möchte ich darauf nicht verwenden. Von Gorilla Glass 3 geschützt werden Farben im Ton kräftig aber insgesamt nicht übersättigt dargestellt und die Helligkeit ist auch bei Sonneneinstrahlung immer auf dem Punkt. Durch einen relativ flachen Betrachtungswinkel verliert das Display aber ordentlich an Farbe und vor allem an Glanz, was schade ist bei so einer Pracht.

Kommen wir zur Software

Wahnsinnig lustig findet es HTC bis heute noch den HTC Sense Companion auf der ohnehin schon so sehr abgespeckten Sense UI auf Android 8.0 mitzuliefern. Entweder ist dieser (der Companion) als Gag oder als Hassobjekt eingebaut worden, so ganz versteht ihn keiner, der damit was zu tun hat. Denn er hat es leider nicht einmal geschafft irgendwelche geistreichen oder hilfreichen Benachrichtigungen zukommen zu lassen. 

Etwas sinnlos und nichtswissend steht das Highlight Feature im Rampenlicht, wenn man einen Rechtswisch vollzieht. Liegt aber mehr an den Quellen als am Feature. Diese geben nämlich nicht viel bis gar nix her. Da ich nicht über jedes vorinstallierte Sense UI Feature reden möchte kürzen wir es ab: Die Ladezeiten könnten wesentlich kürzer sein, zumal ja die Prozessorleistung ausreichend vorhanden ist.

Das wirklich Schöne an dem Biest HTC Sense UI ist so wenig wie gar nicht Bloatware.

Weiter zum Gesicht

Wie mittlerweile jedes führende Flaggschiff verfügt auch das HTC U12+ über eine Nutzer-Verfifizierung mit Hilfe von biometrischen Daten: Es besitzt Face Unlock. 

Ganz objektiv betrachtet: Ein schnelles Selfie reicht aus und das Feature ist aktiviert. Schaut man nun gerade in die Frontkamera wird das Smartphone entsperrt. Das funktioniert im Durchschnitt in Sekundenschnelle und in der Regel einwandfrei. Schief darf man das Smartphone jedoch nicht halten. Mit Sonnenbrille stößt man logischerweise auch auf Widerstand: Hier hat das Entsperren per Gesichtsscan natürlich keine Chance.

Vom Gesichtsablesen zur Kamera

Doppelpack ist das Zauberwort. Dual-Kamerasysteme haben sich richtig etabliert und auch HTC macht da mit. Die Rückkamera hat eine Kombi aus 12-MP-Weitwinkel (f/1.75 Blende) und 16-MP-Tele (f/2.6 Blende) spendiert bekommen. Der optische Zoom ist wie auch bei anderen Herstellern sehr praktisch, hier ist der dafür zugewiesene Button in der Kamera-App sehr gut platziert. 

Wie so ziemlich bei jedem anderen Hersteller wird auch hier eine Bokeh Modus angeboten. Mein Tipp: lieber nicht ausprobieren und auf den normalen Fokus der Kamera beschränken. 

Der Bokeh-Effekt ist zum Teil sehr stark überzogen und die Bilder wirken Realitäts-fremd. Bei der Doppel-Selfie-Kamera zieht sich der Bokeh-Effekt kann man ähnlich Ergebnisse beobachten: Hier werden bereits abstehende Haare unscharf dargestellt, was zu einem vollkommen unbrauchbaren Ergebnis führt.

Ein Versions-Update für den Edge Sense

Mit dem U12+ geht HTC noch einen Schritt weiter und eliminiert mit der Edge nicht nur den Power-Knopf sondern auch die Lautstärketasten. Was bedeutet das konkret? 

Das Handy hat nur mehr einen Rahmen, der berührungsempfindlich ist und keine Unterbrechungen durch Knöpfe oder Tasten vorweist. Das ist gewöhnungsbedürftig: Beim Drücken der Tasten erhält man zwar ein Vibrationsfeedback, mit einer beweglichen Taste ist das jedoch nicht zu vergleichen. Ein bisschen erinnert es einen an den Moment des ersten Benutzens eines iPhones mit Taptic Engine und nicht haptischem Home-Button. 

Oft schwierige Bedienung

Da die der „Pseudo-Tasten“ im Rahmen ziemlich gleich groß und der Abstand zwischen ihnen unegefähr gleich ist gibt es ein paar Probleme. Beim schnellen Griff zum Handy ist man etwas auf den glücklichen Zufall angewiesen, um die richtige Taste zu treffen. Zwar ist die Power-Taste geriffelt, viel hilft dies aber nicht. Komischerweise hat die Software oder der Rahmen öfters interpretiert, dass ein Tastendruck war obwohl dies nicht der Fall war. Sobald man das Handy etwas fester in die Hand nimmt, etwa beim Anstecken von Ladegerät oder Kopfhörer, springt das Edge Sense an. Nicht gerade vorteilhaft.

Die Profilkopfhörer

Da es beim U12+ keinen 3,5mm-Klinkenanschluss mehr gibt sind bei den mitgelieferten Kopfhören USB-C-Anschlüsse verbaut. Beim Einrichten der Kopfhörer wird die Struktur des Ohres mit Tönen gescannt. Mithilfe dieser Sequenz sollen die Kopfhörer an die eigenen Ohren angepasst werden und so den individuellen Sound finden. Nebenbei sollen auch die Geräusche aus der Umgebung gefiltert, berücksichtigt und, wenn möglich, unterdrückt werden. Wie versprochen wird der Sound zwar besser und die Einstellungen für die Kopfhörer sind schnell aktiviert bzw. deaktiviert. Die Geräuschunterdrückung funktioniert jedoch nicht so gut wie die der Kopfhörer, die über eine wirkliche aktive Geräuschunterdrückung verfügen. Ein weiteres Problem ist, dass die Einstellung und die Kopfhörer nur einmalig nach dem Scan angepasst sind.

Akku

Die Kapazität des Akkus wird mit 3500 mAh angegeben. Wer das Smartphone in der Früh vollständig auflädt, kommt damit gut über den gesamten Tag. Steht der Akku aber zwischen 10 und 30 Prozent sollte man die Steckdose aufsuchen, denn wirklich länger als 1 1/2 Stunden hab ich mit dem Ding nicht geschafft.

Innerhalb einer Stunde Streaming verlor der Akku ca. 20% Ladung (Test wurde mit 4K/60fps Einstellung im LTE Netz auf Netflix durchgeführt). Wenn ich das Handy an die Steckdose mit 14 Prozent anschloss, dann stand der Ladestand:

  • 15 Minuten später auf 31 Prozent
  • 30 Minuten später auf 46 Prozent
  • 60 Minuten später auf 71 Prozent

Durchaus respektable Werte.

Fazit

Das HTC U12+ ist gewiss kein schwaches Gerät. Die Daten sprechen eindeutig für das Handy von HTC. Mit diesen Spezifikationen kann es ruhig in der oberen Liga mitkämpfen: Super Kamera, leistungsstarke Ausstattung, tadelloser Bildschirm und schlanke Android-Version. Das merkt man aber nicht nur an dem was drinnen ist, sondern auch am Preis, welcher bei 799€ UVP gestartet ist und seit Marktstart auf 679,95€ (laut Geizhals.de / AT) gesunken ist.
Rein optisch hat das neue HTC-Gerät, bis auf eine „transparente“ Rückseite, wenig zu bieten. Es fehlen Notch oder rahmenlose Frontfläche und bleibt daher eher langweilig in Erinnerung.

In der Praxis hat vor allem die Bedienung mithilfe des berührungsempfindlichen Rahmens und den drei Pseudo-Tasten gar nicht überzeugt. Die Edge Sense hat mehr Verwirrung gestiftet als die Bedienung erleichtert. Unabsichtliches Drücken war die Tagesordnung und somit ist das durchaus „innovative“ Bedienkonzept ein Konzept der Zukunft und ging für HTC nach hinten los.

Jedes mal beim Testen hat mich das Gefühl überkommen, dass dieses Handy nicht zu mir passt und am Ende des Fazits kann ich sagen es ist auch so. HTC hat noch einmal versucht ein Smartphone zu bauen, das versucht den Konzern aus der Krise zu ziehen. Das hat es in meinen Augen definitiv nicht geschafft.

Man könnte meinen: Die schlechten Verkaufszahlen machen es zum Kamikazeflug für HTC und somit zum Sargnagel für den Smartphone-Pionier – leider.

  • 6.5/10
    Bildschirm - 6.5/10
  • 3.5/10
    Kamera - 3.5/10
  • 1.5/10
    Bedienung - 1.5/10
  • 7.5/10
    Akku - 7.5/10
  • 7/10
    Performance - 7/10
  • 4/10
    Preis - 4/10
5/10

Kurzfassung

Das HTC U12+ ist gewiss kein schwaches Gerät. Die Daten sprechen eindeutig für das Handy von HTC. Aber rein optisch hat das neue HTC-Gerät, bis auf eine „transparente“ Rückseite, wenig zu bieten. In der Praxis hat vor allem die Bedienung mithilfe des berührungsempfindlichen Rahmens und den drei Pseudo-Tasten gar nicht überzeugt. HTC hat noch einmal versucht ein Smartphone zu bauen, das versucht den Konzern aus der Krise zu ziehen. Das hat es definitiv nicht geschafft.

HTC U12+: Rückkehr aus der Krise oder doch Kamikaze?
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